Dekarbonisierung – ein Interview mit Marc Bonaldo

09/2026 – Dekarbonisierung und Energieeffizienz sind längst kein Zukunftsthema mehr, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Viele Unternehmen planen Investitionen in Wärmeerzeugungsanlagen für industrielle Prozesse, Biomasseanlagen, Abwärmenutzung oder energieeffiziente Produktionsverfahren. Doch welche Maßnahmen sind tatsächlich förderfähig? Und wie lassen sich Fördermittel strategisch zur Reduzierung der Investitionskosten einsetzen?
Marc Bonaldo, Ayming Deutschland GmbH, berät Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf Investitionsförderung, Forschungsförderung sowie die steuerliche Förderung von Innovationen (Forschungszulage).
Im Interview spricht Marc Bonaldo über Dekarbonisierung und Förderungen.
Herr Bonaldo, Dekarbonisierung wird häufig als Kostenfaktor wahrgenommen. Warum kann sie aus Ihrer Sicht gleichzeitig ein entscheidender Wettbewerbsvorteil und eine wirtschaftlich attraktive Investition sein?
Langfristig wird uns nichts anderes übrigbleiben als unsere Industrie möglichst weitgehend zu dekarbonisieren, wenn wir denn unsere Klimaziele erreichen wollen. Angesichts instabiler Lieferwege und zukünftig weiter steigender Kosten für (fossile) Rohstoffe, ist die Elektrifizierung heute oft schon ein praktikabler Weg für viele Prozesse. Mit CAPEX-Förderung lassen sich die Kosten für diese Umstellung überschaubar(er) halten. Einige Förderprogramme adressieren auch die derzeit noch höheren OPEX-Kosten etwa durch Deckung der Wirtschaftlichkeitslücke.
Wer jetzt agiert, kann von Fördermitteln profitieren und gehört gleichzeitig zu den ersten, die stabil für die Zukunft aufgestellt sind. Die Erfahrung lehrt: Je länger man wartet, desto niedriger die Fördersätze und desto strenger die Voraussetzungen. Im schlimmsten Fall fallen Fördermöglichkeiten komplett weg (siehe z.B. die Entwicklung der Förderung von Energieeffizienz in (Nicht-)Wohngebäuden).
Des Weiteren – und dies nicht zu unterschätzen – wird Dekarbonisierung ein immer wichtigeres Image-Thema; es gibt bei uns bereits Kunden, die wiederum von ihren Kunden aufgefordert werden, bestimmte Maßnahmen umzusetzen, damit die Zusammenarbeit fortgesetzt werden kann. Auch in Ausschreibungen unserer Kunden spielt der CO2-Fußabdruck oft eine wichtige Rolle bei der Frage, ob man einen Auftrag bekommt oder auch nicht.
Sie stellen Praxisbeispiele mit Fördervolumina von mehreren Millionen Euro vor. Welche Arten von Projekten besitzen aktuell die größten Chancen auf eine erfolgreiche Förderung – und welche Potenziale werden von Unternehmen häufig übersehen?
Aktuell bestehen die größten Förderchancen rund um das Thema Energie- und Ressourceneffizienz sowie damit verbunden in der Dekarbonisierung. Dies betrifft insbesondere energieintensive Branchen. Sobald in ihren Prozessen an irgendeiner Stelle Prozesswärme eine Rolle spielt und sie Optimierungen vornehmen, sollte das Förderpotenzial unbedingt analysiert werden. Wenn sie dies nicht tun, ist die Chance hoch, dass ihnen Fördergeld entgeht.
Aber auch abseits energieintensiver Branchen übersehen Unternehmen häufig, dass viele Projekte einen Bezug zur Energieeffizienz oder anderen einschlägigen Fördertatbeständen haben. Die besondere Logik von Förderprogrammen und wie ein Projekt dort reinpasst, entspricht nicht immer der unternehmensinternen Sicht auf das Projekt, sodass eine Passfähigkeit häufig schlicht nicht erkannt wird. Das gilt besonders auch für neue Fördermöglichkeiten in den Bereichen Abwärme, kritische Rohstoffe und Transformationstechnologien.
Viele Unternehmen konzentrieren sich bei der Transformation auf große Zukunftsprojekte. Wie wichtig ist aus Ihrer Erfahrung die Optimierung bestehender Anlagen im Vergleich zu Investitionen in komplett neue Produktionssysteme?
Sehr wichtig!
Die großen Zukunftsprojekte haben wir über verschiedene Branchen hinweg in den letzten Jahren beobachtet. Da ging es teilweise um gigantische Investitionen auf dem Weg zur Dekarbonisierung. In einigen (oder gar vielen?) Fällen sind diese medienwirksamen Rieseninvestitionen getätigt worden, weil es Fördermittel gab und nicht andersrum.
Es ist fragwürdig, ob dies unbedingt zum gewünschten Ergebnis führt. So wurden Investitionen getätigt, in denen die Förderung im Mittelpunkt stand, während Wirtschaftlichkeitsfragen sowie technische Risiken zunächst nur eine untergeordnete Rolle spielten. Dies hat in einigen Fällen dazu geführt, dass diese Riesenprojekte schlussendlich nicht zu Stande kamen bzw. eingestampft wurden.
Anders gesagt: Die Förderung von großen Leuchtturmprojekten ist nicht immer die beste Lösung an Stellen, wo „kleinere“ Investitionen ebenfalls relativ große Effekte erzeugen können und mit weniger technischen und wirtschaftlichen Risiken verbunden sind, was sie am Ende nachhaltiger macht.
Hier liegt aus unserer Sicht eine große Chance, da solche ‚kleineren‘ Investitionsprojekte in der heutigen Förderlandschaft noch immer viel Fördermittelpotenzial haben; auch im Falle von Instandhaltung und Betriebsoptimierung. Unter Umständen können förderfähige Teile eines Investitionsprojektes zu bis zu 60% gefördert werden und dadurch die Amortisierung eines Projektes im positiven Sinne sehr stark beeinflussen.
Wer diese Chancen nutzt, verbessert seine Stellung im Vergleich zu den Marktbegleitern.
Die vorgestellten Beispiele stammen aus energieintensiven Industrien wie Metall, Chemie oder Zement. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus auch auf andere Branchen übertragen?
Die gewählten Beispiele betreffen energieintensive Branchen, weil diese Unternehmen von jeher ein Interesse und eine hohe Sensibilität für die Themen Energieeffizienz und CO2-Einsparung haben (Stichwort CO2-Zertifikate).
Allerding ist mir wichtig zu betonen, dass die Förderthemen Dekarbonisierung, Energie- und Ressourceneffizienz genauso auch für andere Branchen gelten. Sicherlich sind die absoluten Zahlen, z.B. beim Energieverbrauch, bei einem Maschinenbauer oder Lebensmittelproduzenten in einer viel kleineren Größenordnung als bei einem großen Zementwerk, aber auch dort können sich die gleichen Fördermöglichkeiten nutzen lassen. Dies gilt sicherlich umso mehr, da sich mit zunehmendem Druck durch hohe Energiepreise oder steigende Beschaffungskosten für Rohstoffe und Materialien, auch in diesen Branchen Sensibilitäten verändern.
Davon ausgenommen ist, dass andere Branchen unter Umständen spezifische „eigene“ Fördermöglichkeiten haben, z.B. im Bereich kritische Rohstoffe und Transformationstechnologien (Batterien, Solar, Wasserstoff, …).
Wenn ein Unternehmen heute ein Dekarbonisierungs- oder Effizienzprojekt plant: Welche zentrale Frage sollte es sich möglichst früh stellen, um die Erfolgschancen einer Förderung deutlich zu erhöhen?
Haben wir schon mit Ayming gesprochen?
Das Event ‚Dekarbonisierung und Effizienzvorhaben in energieintensiven Industrien erfolgreich finanzieren‘ mit Marc Bonaldo findet am 29.09.2026 | 16.00-17.00 Uhr statt
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