Energiesysteme – ein Interview mit Joel Rogawski

07/2026 – Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmepumpen sind längst etablierte Technologien. Doch neue regulatorische Rahmenbedingungen, innovative Geschäftsmodelle und intelligente Systemkombinationen verändern derzeit grundlegend die wirtschaftliche Bewertung von Energiesystemen in Unternehmen.
Joel Rogawski berichtet, welche Energiesysteme Unternehmen heutzutage kennen sollten, um zusätzliche Potenziale zu erschließen. Rogawski ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens concept-e für industrielle Energiesysteme. Sein Fokus liegt auf der wirtschaftlichen Bewertung und Optimierung von Energieinfrastrukturen in produzierenden Unternehmen. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen (Maschinenbau) an der RWTH Aachen und ist zertifizierter Energieauditor. In seiner bisherigen Arbeit hat er sich insbesondere mit der Auslegung und Optimierung komplexer Energiesysteme sowie der Integration erneuerbarer Technologien in industrielle Anwendungen beschäftigt.
Sein Ansatz verbindet technische Analyse mit wirtschaftlicher Bewertung und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Kombination verschiedener Maßnahmen zu ganzheitlichen, wirtschaftlich tragfähigen Lösungen.
Herr Rogawski, Photovoltaik, Batteriespeicher und Wärmepumpen sind keine neuen Technologien. Warum hat sich ihre wirtschaftliche Bewertung in den letzten Jahren dennoch so grundlegend verändert?
Die Technologien selbst sind nicht neu – ihre Wirtschaftlichkeit aber hat sich radikal gewandelt. Das verdankt sie mehreren Treibern, die zusammengespielt haben: erstens die Effizienz, die bei Speichern und Wärmepumpen dramatisch gestiegen ist. Zweitens ein globaler Preiskampf durch Massenproduktion – PV-Module sind zu Rohstoffpreisen verfallen. Drittens kontinuierliche Innovationen in der Integration und Regelung. Viertens ganz neue Anwendungsfälle, die vorher nicht wirtschaftlich waren – etwa Energy Sharing oder Arbitrage über Batteriespeicher. Und fünftens haben sich die Rahmenbedingungen fundamental verschärft: EEG-Förderungen fallen weg, Gaspreise sind volatil, Strompreise steigen. Zusammen führt das dazu, dass Investitionen, die noch vor 2-3 Jahren nicht rentabel waren, heute hochattraktiv sein können.
Viele Unternehmen haben Investitionen in Energiesysteme bereits bewertet oder sogar verworfen. Welche neuen Rahmenbedingungen könnten dazu führen, dass sich eine erneute Betrachtung heute lohnt?
Die Fakten sprechen für sich: PV-Preise sind um die Hälfte gesunken, und bis zu 50% der Anlagenkosten sind jetzt förderfähig. Gleichzeitig können PV-Überschüsse seit diesem Jahr verkauft werden – vorher waren sie wirtschaftlich tot. Batteriespeicher sind im Preis um 90% gefallen in den letzten zwei Jahren – und ihre Funktion hat sich multipliziert. Sie speichern nicht nur PV, sondern ermöglichen Lastspitzenkappung, Arbitrage am Spotmarkt und Blackout-Schutz parallel. Wärmepumpen haben durch Effizienzgewinne und neue Niedertemperatur-Wärmeverteilungskonzepte eine völlig neue Kostenstruktur bekommen.
In Ihrem Vortrag sprechen Sie über die intelligente Kombination verschiedener Technologien. Warum liegt der größte wirtschaftliche Nutzen oft nicht in einer einzelnen Lösung, sondern im Zusammenspiel mehrerer Systeme?
Ein großer wirtschaftlicher Hebel liegt tatsächlich in der Konvergenz. Eine isolierte PV-Anlage ist nur so rentabel wie ihre Einspeisevergütung oder ihr Eigenverbrauch. Mit einem Speicher verbunden, steigt der Eigenverbrauch. Zudem kann in Zeiten mit wenig PV-Strom am Spotmarkt strategisch eingekauft werden oder per Energy Sharing Strom aus einem eigenen, nicht lokalen Windrad genutzt werden. Mit einer Wärmepumpe im System wird es noch interessanter: Der Speicher lädt sich von der PV oder Windanlage, die Wärmepumpe nutzt diesen Speicherstrom quasi kostenlos – und die Amortisationszeit sinkt dramatisch.
Das Kritische ist aber nicht nur die Kostenoptimierung, sondern die neuen Mehrwerte, die nur durch Kombination entstehen. Eine PV allein speichert keine Energie. Ein Speicher allein hat keine Quelle. Zusammen können sie aber Unternehmen über Wochen oder Monate unabhängig vom Netz betreiben – an den meisten Tagen des Jahres. Mit einer Wärmepumpe im System geht das sogar im Winter. Das bringt Risikoabsicherung gegen Blackouts, Strompreisschocks und Versorgungsengpässe. Unternehmen zahlen implizit für diese Resilienz – nur meist unbewusst, als versteckte Kosten bei der nächsten Krise. Wer das System heute intelligent kombiniert, hat eine Versicherung gegen diese Risiken.
Sie zeigen konkrete Praxisbeispiele aus Unternehmen. Welche Erkenntnis überrascht Entscheiderinnen und Entscheider am häufigsten, wenn sie die aktuellen Potenziale moderner Energiesysteme kennenlernen?
Was immer wieder überrascht, ist wie groß der Blumenstrauß an Möglichkeiten tatsächlich ist. Ich bin in vier Jahren noch auf kein Unternehmen getroffen, für das wir keinen wirtschaftlichen Case gebracht haben, den sie noch nicht kannten. Das funktioniert, weil wir drei Welten verbinden: Nah dran bei den Umsetzern, regelmäßig im Austausch mit Unis und ihren Forschungsergebnissen, und gut vernetzt in das Start-up-Ökosystem. Das gibt uns Zugang zu Technologien und Modellen, die man sonst nicht auf dem Radar hat.
Wenn Unternehmen ihre Energieversorgung zukunftssicher und wirtschaftlich gestalten möchten: Welche Entwicklungen sollten sie Ihrer Meinung nach heute unbedingt auf dem Radar haben, um morgen keine Chancen zu verpassen?
Die entscheidende Entwicklung sind nicht mehr einzelne Technologien, sondern ihre Konvergenz. PV, Batterien, Wärmepumpen und intelligente Steuerung verschmelzen zu integrierten Energiesystemen. Wer diese Integration versteht – also wie PV-Überschüsse automatisch in Speicher fließen, wie Wärmepumpen bei günstigem Strom laden, wie Lastmanagement Spitzenlastgebühren senkt – der hat morgen Kostenstrukturen, die Konkurrenten nicht erreichen. Die Unternehmen, die wir sehen, die heute noch in Silos denken (die PV-Anlage dort, die Wärmepumpe hier), werden in 3 Jahren ihre Wirtschaftlichkeit vermisst haben, weil sie die Synergieeffekte nicht gehoben haben.
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