Mit System in die Zukunft beschäftigen – ein Interview mit Thomas Strobel

Ein grafisches Bild einer fiktiven Stadt in der Zukunft.

Der Zukunftsdialog bringt Menschen aus Unternehmen, Forschung, Bildung und Transfer zusammen, um mögliche Entwicklungen von morgen frühzeitig und branchenübergreifend zu diskutieren. Im Mittelpunkt stehen unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Zukunftsbilder – mit dem Ziel, gemeinsam relevante Handlungsfelder, Chancen und neue Impulse für den Mittelstand zu identifizieren.

In dieser interaktiven Ausgabe von Visions-To-Go werfen wir gemeinsam mit Thomas Strobel, Geschäftsführer der FENWIS GmbH und Zukunftslotse, und Rainer Färber, Marketing und Business Development der AiF FTK GmbH, einen strategischen Blick auf die Technologien, Innovationen und Entwicklungen, die Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft in den kommenden Jahren maßgeblich prägen werden.

Im Interview spricht Thomas Strobel über mögliche Entwicklungen der kommenden Jahre.

Herr Strobel, Zukunft lässt sich nicht vorhersagen – trotzdem beschäftigen Sie sich intensiv mit möglichen Entwicklungen der kommenden Jahre, ja sogar Jahrzehnte. Was können Unternehmen gewinnen, wenn sie sich systematisch mit Zukunft beschäftigen, statt ausschließlich auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren?

Dazu blicken wir am besten auf eine Analogie aus dem Sport. Eine sehr defensiv eingestellte Fußballmannschaft, die vor allem auf die Angriffe des Gegners reagiert, steht in der Abwehr dauernd unter Druck, um kein Tor zu kassieren. Gleichzeitig wird sie bei dieser Spielweise selbst nur wenige Chancen haben ein Tor für einen Sieg in diesem Spiel zu erzielen.

Das Gleiche gilt für Unternehmen: Wer sich strategisch darauf beschränkt, auf veränderte Rahmenbedingungen und Zukunftsentwicklungen primär zu reagieren, kann bestenfalls seine Wettbewerbsposition halten, aber keine neuen Wettbewerbsvorteile schaffen oder zukünftige vorausschauend und zielgerichtet vorbereiten.
Im Klartext: Wer die Zukunft als Unternehmen heute nicht mitgestaltet, muss morgen mit der Gegenwart zurechtkommen, die für ihn übrigbleibt. Wie das in der Realität aussehen kann, zeigt uns gerade die deutsche Automobilindustrie mit allen betroffenen Zulieferern.

Der „Zukunftsdialog“ betrachtet bewusst sehr unterschiedliche Entwicklungen und Zukunftsbilder. Was verbindet diese Themen – und welche übergeordneten Veränderungen sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach heute besonders aufmerksam beobachten?

Die Transformation zu einer Kreislaufwirtschaft 2050, die wir bewältigen müssen, wenn wir mittel- und langfristig mit den Ressourcen auskommen wollen, die die Erde bereitstellen kann, ist das verbindende Element, dem sich Wirtschaft, Gesellschaft und Politik für erfolgreiche Zukunftsgestaltung über die nächsten 24 Jahre stellen müssen.

Dazu sollten Unternehmen insbesondere in den Blick nehmen, wie sich ihr Umfeld in dieser Transformation verändern wird. Denn das betrifft zukünftige Veränderungen im Kundenspektrum, bei Kundenanforderungen, neue Geschäftsmodelle für Lösungen mit wahrnehmbarem Kundenutzen, gesetzliche Rahmenbedingungen, Versorgungssicherheit bei Rohstoffen, Nachhaltigkeitsbilanzen etc., um nur einige Beispiele zu nennen, die zukünftig neue Erfolgsfaktoren und Wettbewerbsvorteile prägen werden.

Die Serie soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern zum Weiterdenken und Diskutieren anregen. Was wünschen Sie sich, dass die Teilnehmenden nach einem Zukunftsdialog anders sehen, hinterfragen oder vielleicht sogar konkret in ihrem Unternehmen anstoßen?

Mein Hauptwunsch ist, dass die Teilnehmenden im ersten Schritt ein Gefühl dafür entwickeln, dass unsere Zukunft gestaltbar ist und viele Chancen bietet, wenn wir sie proaktiv nutzen. Das ist die Grundvoraussetzung, um sich aus verschiedenen Perspektiven und Disziplinen offen über denkbare Zukunftsvisionen und -szenarien auszutauschen. Denn damit können wir dann interdisziplinär und branchenübergreifend den Lösungsbedarf von morgen ableiten und daraus wichtige Erkenntnisse für neue Geschäftsmodelle, Transformationsroadmaps und Meilensteine für die Realisierung in neuen Partnerschaften, Kooperationen und Wertschöpfungsnetzwerken gewinnen. Wenn wir das schaffen, stärken wir die Resilienz der Unternehmen, verbessern das Zusammenspiel zwischen Wirtschaft und Forschung und übernehmen Verantwortung zur Sicherung des Wohlstandes statt als Nicht-mehr-Exportweltmeister in einem grundlegend veränderten Wettbewerbsumfeld weiter vor uns hinzujammern und die Symptome zu bekämpfen, statt die Ursachen.
Zum Hintergrund: Das Buch „China 2049. Wie Europa versagt“ ist im September 2019 erschienen. Es hat somit schon vor 7 Jahren den von der chinesischen Regierung veröffentlichten Transformationsplan bis 2049 und die darin enthaltenen Schwerpunktthemen analysiert. Es ist also unser Versäumnis, wenn wir heute vielfach von der chinesischen Technologieführerschaft überrascht sind. Für den Weg nach 2050 kann unsere deutsche und europäische Antwort nur darin bestehen, aktiver zu werden, schneller zu werden, kooperativer zu arbeiten und die benötigten Lösungen für morgen mit unseren weiterhin verfügbaren Stärken anzugehen.

Dafür wünsche ich mir für einen optimistischen Aufbruch in die Zukunftsgestaltung, letztendlich auch viele begeisterte Mitstreiter*innen aus dem Netzwerk der motivierten und neugierigen Teilnehmenden.

Das nächste Event der Reihe Zukunftsdialog mit dem Titel ‚Zukunftsdialog: Die resiliente Wirtschaft 2036‘ findet am 19.10.2026 | 16.00-17.30 Uhr statt.

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