Vom Überschuss zum Mehrwert – ein Interview mit Joel Rogawski

06/2026 – Photovoltaikanlagen erzeugen oft mehr Strom, als unmittelbar genutzt werden kann. Doch was wäre, wenn diese Überschüsse nicht mehr nur zu geringen Vergütungssätzen ins Netz eingespeist, sondern deutlich wirtschaftlicher eingesetzt werden könnten?
Joel Rogawski zeigt wie es geht. Er ist Gründer und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens concept-e für industrielle Energiesysteme. Sein Fokus liegt auf der wirtschaftlichen Bewertung und Optimierung von Energieinfrastrukturen in produzierenden Unternehmen. Rogawski studierte Wirtschaftsingenieurwesen (Maschinenbau) an der RWTH Aachen und ist zertifizierter Energieauditor. In seiner bisherigen Arbeit hat er sich insbesondere mit der Auslegung und Optimierung komplexer Energiesysteme sowie der Integration erneuerbarer Technologien in industrielle Anwendungen beschäftigt.
Sein Ansatz verbindet technische Analyse mit wirtschaftlicher Bewertung und legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Kombination verschiedener Maßnahmen zu ganzheitlichen, wirtschaftlich tragfähigen Lösungen.
Herr Rogawski, viele Unternehmen erzeugen bereits eigenen Solarstrom. Warum wird das Thema Energy Sharing gerade jetzt zu einem strategisch wichtigen Baustein für die Energiewirtschaft der Zukunft?
Energy Sharing wird gerade jetzt zum entscheidenden Baustein, weil sich die ökonomische Realität fundamental verschärft hat. Viele Unternehmen erleben gerade, dass ihre Solaranlagen aus der 20-Jahres-EEG-Förderung fallen – was bislang garantierte Einspeisevergütungen wegfallen lässt. Gleichzeitig sind neue PV-Anlagen wirtschaftlich unter Druck: Die aktuelle Einspeisevergütung von etwa 5,9 ct/kWh deckt kaum noch die Investitionskosten.
Das ist der kritische Wendepunkt. Energy Sharing bietet hier eine völlig neue Perspektive: Statt den Überschussstrom zu 5–6 ct/kWh in das öffentliche Netz einzuspeisen, können Unternehmen diesen Strom über Bilanzkreismodelle an Nachbarunternehmen oder eigene Standorte bis zu 15 ct/kWh weitergeben.
Die Einspeisung von PV-Überschüssen war lange Zeit der Standard. Was verändert sich durch die neuen Möglichkeiten des Energy Sharings und welche Chancen ergeben sich dadurch für Unternehmen?
Das Regelwerk hat sich inzwischen entscheidend geändert: Unternehmen können nun erstmals Strom an Zweitstandorte oder Nachbarbetriebe verkaufen, ohne selbst zum Energieversorger zu werden. Das heißt konkret: Keine komplexe Regulierung, keine Haftungsrisiken, keine aufwändigen Genehmigungsverfahren.
Das eröffnet eine neue Betriebslogik. Ein Unternehmen mit PV-Anlage kann Überschussmengen kurzfristig, flexibel und ohne regulatorische Fallstricke an lokale Partner weitergeben. Der Mehrwert entsteht durch diese Direktbeziehung – schneller, transparenter, wirtschaftlicher als über zentrale Strommarktsysteme.
Mit den neuen gesetzlichen Rahmenbedingungen ab 2026 eröffnen sich neue Spielräume. Welche Auswirkungen werden diese Veränderungen Ihrer Einschätzung nach auf die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaikanlagen haben?
Eine wichtige Klarstellung vorweg: Wir nutzen das Bilanzkreismodell, das sich seit über einem Jahr bewährt hat und rechtlich sauber ist – nicht die Energiegemeinschaft nach EnWG §42c von Ende 2025, die noch erhebliche rechtliche Grauzonen birgt.
Beim Bilanzkreismodell funktioniert Wirtschaftlichkeit über einen sehr klaren Mechanismus: den Spread. Das ist die Differenz zwischen dem Arbeitspreis, den der Sharing-Abnehmer zahlt, und deiner Einspeisevergütung.
Das transformiert die Amortisationsrechnung deiner PV-Anlage grundlegend. Der Break-Even verschiebt sich deutlich nach vorne.
In Ihrem Vortrag zeigen Sie praxisnahe Anwendungsbeispiele. Welche Erkenntnis überrascht Unternehmen am häufigsten, wenn sie sich erstmals intensiver mit Energy Sharing beschäftigen?
Das häufigste „Aha-Erlebnis“ ist: Keine Hardware nötig. Viele Geschäftsführer rechnen mit aufwändigen Umbauten, zusätzlichen Zählern oder Fernsteuerungstechnik. In Wirklichkeit haben bereits alle Unternehmen mit einem Stromverbrauch über 100.000 kWh/Jahr standardmäßig einen RLM-Zähler (Registrierende Lastgangmessung) verbaut. Diese Messdaten reichen vollständig aus, um Energy Sharing zu betreiben.
Das heißt: Die Infrastruktur ist bereits da. Energy Sharing ist in dieser Größenordnung eine Geschäftslogik-Innovation, nicht eine Hardware-Innovation.
Wenn Sie einem Unternehmen, das bereits eine PV-Anlage betreibt, nur einen Rat geben könnten: Welche Frage sollte es sich heute stellen, um die Potenziale von Energy Sharing frühzeitig für sich zu nutzen?
Wenn ein Unternehmen nur eine Frage beantworten kann, sollte es diese sein: Wenn ich meine aktuelle Einspeisemenge in Kilowattstunden mit 10 ct/kWh multipliziere – ist der resultierende Jahresgewinn eine Größenordnung, die für mein Unternehmen strategisch interessant ist?
Diese einfache Rechnung entscheidet, ob Energy Sharing ein Nebenprojekt oder ein echter Geschäftshebel ist.
Das Event ‘Vom Überschuss zum Mehrwert: Neue Chancen durch Energy Sharing’ findet am 01.07.26 | 16.00-17.00 Uhr statt. Anmelden und dabei sein!



